Als im Herbst das neue Vorlesungsverzeichnis der Uni Basel veröffentlicht wurde, war ich halbverwirrt. In Medienästhetik wurde ein Seminar angeboten, dessen Hauptthema der, im Titel dieses Blogeintrags erwähnte, Oktopus war. Ziel, so wurde beschrieben, sollte es sein, „den 'Oktopus als Medium' und die 'Medien als Oktopoden' zu reflektieren“. Medienästhetik des Oktopusses, dachte ich, so so. Der Leitsatz der Medienwissenschaftler ist nun mal frei nach Marshall McLuhan: „Das Medium ist die Botschaft“ – na gut. Und was willst du uns nun sagen, Oktopus?

Wie sich rausstellte, äussert er sich nicht gerne zu seinem Handeln oder Aussehen. Und wie das so ist, bei Sachen die sich nicht von selbst erklären: Der – in diesem Fall medienwissenschaftliche – Assoziationsspielraum ist eröffnet. Was sich wiederum dabei rausstellte war, dass es tatsächlich ziemlich viel über ihn zu sagen gibt. Auch in der Werbung.

Oktopodische Omnipräsenz

Das ist jetzt kein Witz: die Oktopoden (diese Pluralform habe ich direkt in der ersten Stunde gelernt), sind überall. Abgesehen von Graffitis an Häuserwänden oder an der Lichterkette des Pulpo Restaurants hier in Basel, begegnete er mir auch direkt auf zahlreichen Buchcovern in meinem Bücherregal. Auf Michel Houellebecqs Debütroman Gegen die Welt, gegen das Leben ragen ziemlich schleimig aussehende Tentakel ins Mittlere des Covers. Und damit sind wir auch schon mittendrin, im Oktopusmythos. Wieso ist er überhaupt ein Symbol des Gegen-die-Menschen-seins?

Vielleicht, weil es schon immer so war. Denn bereits seit der Antike ranken sich Mythen um den Oktopus alias Kraken. Die Menschen rechneten dem Kraken jahrhundertelang vor allem ein hohes Bewusstsein für sein Handeln und Klugheit zu, die er listig dafür nutzte, Menschen auszutricksen und in ihr Unglück auf hoher See zu treiben. Jedenfalls so lange, bis er dann mit seinen Meerestierkollegen auf dem Teller landete.

Der romantische Kraken-Mythos

Als in der Mitte des 19. Jahrhunderts dann die Wissenschaft den Mythos einholt, ist es längst zu spät. Die romantische Einbildungskraft um das Meeresungeheuer hat seinen Platz in den Köpfen und der Literatur eingenommen. Eignet er sich doch so gut, weil er in den unergründlichen Tiefen der Ozeane lebt und sich nur so selten blicken lässt. Da bleibt dann ungeheuer viel Spielraum für die Phantasie. So schreibt Victor Hugo 1866 in seinem Text Die Arbeiter des Meeres Folgendes: „Das Unbekannte ist des Wunders mächtig und bedient sich seiner, um das Ungeheuer zu erschaffen.“ Diese Prophezeiung bewahrheitet sich bis heute. Auch, wenn die Oktopusforschung natürlich viel weiter ist als zur Zeiten der rauen Seefahrt des vorletzten Jahrhunderts und der Oktopus sich als ziemlich harmlos rausgestellt hat.
Intelligent und neugierig, aber harmlos.

In den digitalen Medien wurde das Phänomen des Ungeheuers dann aber natürlich trotzdem aufgegriffen. Zahlreiche Bösewichte der Science-Fiction Computerspiele und Filme orientieren sich am Vorbild des Achtfüsslers. In dem 2015 erschienenen James Bond Film Spectre dient der Oktopus als Kennzeichen der feindlichen Organisation und symbolisiert mit seinen (nur) sieben Tentakeln die Verwaltung des Kriminellen und Bösen. Und auch Marvel’s Dr. Octopus wird mit seinen vier künstlichen Tentakeln zum superintelligenten Bösewicht, der unter strategischem Einsatz seines bestechenden Charismas gegen das Gute kämpft.

Und so wundert es einen kaum, dass das Bild des Kraken als Ungeheuer weiterhin besteht. Riesig, natürlich, und gefährlich. Seine Tentakel umschlingen denjenigen, der sich ihm nähert. Er lauert in seinem Versteck darauf, dass er dem Menschen schaden kann. Er scheint überall gleichzeitig zu sein und überall seine Tentakel im Spiel zu haben. Das perfekte Symbol für Verwaltung, Macht und Intrige eben.

Faszination und Metaphorik

Gewissermassen verkörpert der Achtfüssler so ziemlich alles, was wir wohl als unästhetisch beschreiben würden: Der unstrukturierte Körperbau mit den von Saugnäpfen übersäten Tentakeln, der geschwollene Hinterkopf und nicht zuletzt seine etwas unbeholfen aussehenden Landgänge als Meeresbewohner; Tiefgelegt, fast, wie ein militärisches Kampffahrzeug. Oktopoden können außerdem ihre Farbe ändern. Dafür gibt es teilweise relativ einfache Erklärungen: Der Schutz vor Fressfeinden oder als Strategie zur Jagd auf Krabben und Co. Dabei können sie entweder fast vollständig unsichtbar werden oder inszenieren sich leuchtend in flammenden Farben. Alles an ihnen ist irgendwie befremdlich. Und vielleicht ein bisschen unheimlich. Das erklärt vielleicht auch, wieso die tatsächlichen Oktopoden und illustrierte Darstellung derselben sich so grundlegend voneinander unterscheiden, wie bei fast sonst keinem anderen Tier.

Auffällig sind dabei vor allem zwei Dinge:
Die symmetrische Anordnung der acht Tentakel und die überdimensionalen Augen. Aber der Oktopus und seine Bewegungen sind alles – nur nicht symmetrisch. Seine Bewegungen wirken eher undurchschaubar, nicht nachvollziehbar. „Der Krake mit dem seidigen Blick“, schreibt Roger Caillois in seinem Text Der Krake und weist ihm fast etwas Hypnotisierendes zu. Wenn ein Taucher einen Oktopus sichtet, so wird dieser seinerseits ebenfalls schnell von dem Blick des Tiers fixiert. Der Beobachter wird zum Beobachtenden. Das erklärt vielleicht die besonders hervorgehobenen und lebendigen Augen bei Illustrationen. Und genau da beginnt es: Das krampfhafte, menschliche Bedürfnis, das Unkontrollierte in Struktur und Ordnung zu bringen. Und wenn man dann alle Tentakel halb eingerollt, gleichmässig auf’s Buchcover gedruckt und die Augen teddybärig abgebildet hat, dann ist der Oktopus vielleicht auch gar nicht mehr so fremd.

Die Werbung mit dem Bösen?

Aber was hat das alles mit der Werbung zu tun?
Eine Gemeinsamkeit gibt es jedenfalls auf Anhieb: Werbung und Oktopoden gibt es – wie oben beschrieben – (fast) überall. Man muss nur genau hinsehen.

Im November 2012 startete Mitsubishi eine Kampagne, in der sie ihren Pick-Up L200 Triton in abenteuerlichen Szenen darstellten, um seine Stärke und Resistenz gegen jegliche Umwelteinflüsse zu demonstrieren. GO PLACES NO GPS WOULD RECOMMEND heisst es und aus dem schlammigen Boden ragen bedrohliche Tentakel empor. Dennoch: Gegen die unbändige Stärke der vorderen Stossdämpfer hat auch ein Riesenkrake keine Chance. Die Tentakel reißen, das Böse ist besiegt, und das auch, wenn Siri ausdrücklich von der Strecke abgeraten hatte.

Mitubishi und der Oktopus

Ein weiteres Beispiel findet sich in einer in 2013 erschienenen Kampagne zur Akquise neuer Anzeigenkunden für das erfolgreichste Abendblatt der Schweiz, der Blick am Abend. Während im Vordergrund ein Leser die Titelstory liesst, geschieht zeitgleich im Hintergrund das Unglaubliche: Ein Riesenkraken macht sich über den Grossmünster in Zürich her. Aktueller geht’s also nicht. An den Haaren herbei gezogener übrigens auch nicht.

Ein ziemliches Kontrastprogramm zum Oktopusungeheuer schafft AirWick in 2011 mit einem Werbeclip für die ätherischen Lufterfrischer. Mutter Oktopus hat alle Tentakel voll zu tun beim Bügeln, Staubsaugen und Putzen. Nur mit dem frischen AirWick Duft kann sie sich mindestens mal für einen Moment entspannen. Zumindest so lang bis der Babyoktopus anfängt zu quengeln und mit seinen acht Rasseln gleichzeitig klappert.


AirBnB hingegen haben mit ihrer Oktopusinszenierung dieses Jahr nochmals einen ganz anderen Weg eingeschlagen: In ihrer amerikanischen Kampagne haben sie kurze Hand einen kleinen illustrierten Oktopus in einem Mauseloch platziert und meinen dazu ganz charmant: Belong Anywhere. Zwar blinzelt der kleine Oktopus ein bisschen irritiert ins Licht, trotzdem kann man nicht umhin: Absurd, aber auch ganz niedlich.

Verschwörungstheoretiker könnten seinem schiefen Lächeln dennoch vielleicht entnehmen, dass eben genau das schon immer sein Plan war: Das Einnisten in schicken New Yorker Apartments. Aber das ist ja wohl das Mindeste, wenn wir ihm schon die Weltmeere zerstören. #moralpredigtoff

Wie fühlt es sich an, ein Oktopus zu sein?

Ob als Symbol des Bösen, achtarmigen Alleskönner oder ungewöhnlicher Untermieter: Der Oktopus ist auch in der Werbung hochgradig metaphorisch aufgeladen und ein Meister des Gestaltenwandelns. Der Oktopus bietet viel Angriffsfläche für wilde Interpretationen und zur symbolischen Instrumentalisierung. Die Tentakel als Angreifer, Staubsaugenschwinger oder Rasselhalter – kaum ein anderes Tier wird in der Werbung so vermenschlicht wie der Oktopus. Seine Andersartigkeit kann erst dann überwunden werden, wenn man ihr einen Zweck und eine Absicht seines Handelns zuordnet. Aber was will der Oktopus eigentlich mit der Weltherrschaft?

Peter Godfrey-Smith fragt in seinem Buch Other Minds, wie es sich wohl anfühlt, ein Oktopus zu sein. Keine Ahnung.
Eines ist aber wohl ziemlich sicher: Der Oktopus hat ebenfalls keine Ahnung, dass es ein Seminar an der Uni Basel über ihn gibt oder dass Menschen Bücher über ihn schreiben. Und auch nicht, dass er für Autos, Städtereisen oder Lufterfrischer wirbt und wenn man versuchen würde es ihm zu erklären, würde man sich vermutlich in einer dunklen Tintenwolke und der weiterhin absoluten Ahnungslosigkeit überlassen, wiederfinden.